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Grippe vor dem Oktoberfest

4m 55s nachgedacht BAYERN REGIONAL NEWS Bayregnews.de Zwischen Festzelt und Fieberbett: Was wirklich hinter der „Wiesn-Grippe“ steckt Millionen Menschen feiern dicht an dicht auf dem Oktoberfest. Damit steigt auch das Risiko für Erkältungen, COVID-19 und vereinzelt echte Influenza. Eine Impfaktion soll vorbeugen – doch die Impfung schützt nicht gegen jeden sogenannten Wiesn-Infekt. Ein Rückblick auf 2025 zeigt, welche Viren damals tatsächlich dominierten. München – Stand: 8. September 2026 In den Festzelten wird gesungen, geschunkelt und ausgelassen gefeiert. Menschen aus aller Welt sitzen über Stunden dicht nebeneinander, nutzen gemeinsam öffentliche Verkehrsmittel und kommen in Warteschlangen, Zelten und Fahrgeschäften auf engstem Raum zusammen. Was für viele Gäste die besondere Stimmung des Oktoberfestes ausmacht, schafft zugleich günstige Bedingungen für die Verbreitung von Atemwegsinfektionen. Das Münchner Oktoberfest findet 2026 vom 19. September bis 4. Oktober statt. Nach den rund 6,5 Millionen Gästen des Vorjahres werden erneut mehrere Millionen Besucherinnen und Besucher auf der Theresienwiese erwartet. Schon kurz nach dem ersten Wiesn-Wochenende dürften deshalb wieder viele Münchnerinnen und Münchner über Husten, Schnupfen, Heiserkeit oder Fieber klagen. Umgangssprachlich ist dann schnell von der „Wiesn-Grippe“ die Rede. Medizinisch ist diese Bezeichnung jedoch ungenau. Die „Wiesn-Grippe“ ist häufig gar keine Grippe Hinter den Beschwerden nach einem Oktoberfestbesuch können ganz unterschiedliche Erreger stecken. Dazu gehören insbesondere Rhinoviren, saisonale Coronaviren, Adeno- und Parainfluenzaviren, SARS-CoV-2 und – deutlich seltener zu diesem frühen Zeitpunkt – Influenzaviren oder das Respiratorische Synzytial-Virus, kurz RSV. Eine gewöhnliche Erkältung entwickelt sich häufig schrittweise. Typisch sind Schnupfen, Kratzen im Hals, Heiserkeit und Husten. Eine echte Influenza beginnt dagegen oft plötzlich und kann mit hohem Fieber, Schüttelfrost, starken Kopf- und Gliederschmerzen sowie einem ausgeprägten Krankheitsgefühl einhergehen. Eine sichere Unterscheidung allein anhand der Symptome ist allerdings nicht immer möglich. Die Grippeimpfung schützt ausschließlich gegen die im Impfstoff berücksichtigten Influenzaviren. Sie verhindert weder eine gewöhnliche Erkältung noch automatisch eine Infektion mit SARS-CoV-2 oder anderen Atemwegserregern. Wer sich nach der Wiesn trotz Grippeimpfung erkältet, hat deshalb nicht zwangsläufig einen unzureichenden Impfschutz – möglicherweise war schlicht ein anderer Erreger verantwortlich. Impfaktion unmittelbar vor dem Oktoberfest Unter dem Motto „O’zapft is – aber bitte Grippe-geimpft!“ bietet die Marien-Apotheke am Sendlinger Tor am 8. und 9. September 2026 jeweils von 9 bis 18 Uhr Influenza-Impfungen für Erwachsene ab 18 Jahren an. Mitzubringen ist nach Angaben der Apotheke die Versichertenkarte. Zum Auftakt ließ sich auch der frühere bayerische Gesundheitsminister und heutige CSU-Fraktionsvorsitzende Klaus Holetschek impfen. Die Impfung übernahm der Infektiologe Prof. Dr. Christoph Spinner vom TUM Klinikum. Getragen wird die Aktion von der Marien-Apotheke und dem Impfstoffhersteller CSL Seqirus. Nach Angaben der Initiatoren ließen sich bei der ersten Ausgabe im vergangenen Jahr innerhalb von zwei Tagen mehr als 300 Personen impfen. 2026 beteiligen sich demnach mehr als 40 Arztpraxen und Apotheken in der Region München an dem begleitenden Aufruf zur Grippevorsorge. Bei der gesundheitlichen Bewertung muss allerdings zwischen einer von einem Hersteller mitgetragenen Kampagne und den offiziellen Impfempfehlungen unterschieden werden. Maßgeblich bleiben die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission sowie die persönliche Beratung in einer Arztpraxis oder Apotheke. Reichen elf Tage bis zum Anstich? Zwischen dem Beginn der Impfaktion am 8. September und dem Wiesn-Anstich am 19. September liegen lediglich elf Tage. Der Impfschutz entsteht nicht sofort: Nach offiziellen Gesundheitsinformationen benötigt der Körper ungefähr 14 Tage, um ausreichend Antikörper aufzubauen. Wer sich jetzt impfen lässt, kann zum Eröffnungswochenende daher möglicherweise noch keinen vollständig aufgebauten Schutz erwarten. Die Impfung kann dennoch sinnvoll sein, weil sie während des weiteren Wiesn-Verlaufs und vor allem in der späteren Grippesaison Schutz bieten kann. Sie ist jedoch weder eine Garantie gegen eine Ansteckung noch ein Freibrief, trotz Krankheitssymptomen ins Festzelt zu gehen. Rückblick auf 2025: Millionen Gäste, viele Atemwegsinfekte Das Oktoberfest 2025 zog an 16 Festtagen rund 6,5 Millionen Menschen an. Etwa 21 Prozent der Gäste kamen im Durchschnitt aus dem Ausland. Damit trafen auf der Theresienwiese erneut Menschen aus zahlreichen Ländern und unterschiedlichen Infektionslagen aufeinander. Tatsächlich stieg die Aktivität akuter Atemwegserkrankungen in Deutschland während der letzten Wiesn-Woche 2025 auf ein hohes Niveau. Das bedeutete jedoch nicht, dass München bereits von einer klassischen Grippewelle erfasst worden war. In der 40. Kalenderwoche vom 29. September bis 5. Oktober 2025 untersuchte das Nationale Referenzzentrum für Influenzaviren 55 eingesandte Sentinelproben. Am häufigsten wurden Rhinoviren nachgewiesen, gefolgt von SARS-CoV-2 und Parainfluenzaviren. Influenza-A- und Influenza-B-Viren wurden in diesen Proben überhaupt nicht festgestellt. Gleichzeitig lag die Zahl schwerer akuter Atemwegsinfektionen in den beteiligten Krankenhäusern auf einem sehr niedrigen Niveau. Auch in der darauffolgenden Kalenderwoche dominierten Rhinoviren und SARS-CoV-2. Unter den erfassten schweren Atemwegserkrankungen im Krankenhaus entfielen elf Prozent auf COVID-19, während Influenza bei lediglich einem Prozent diagnostiziert wurde. Diese Zahlen gelten bundesweit und sind keine spezielle Untersuchung unter Oktoberfestbesuchern. Sie beweisen daher weder, dass sämtliche Infektionen auf der Wiesn entstanden, noch können sie alle Erkrankungen in München erfassen. Sie zeigen aber deutlich: Das verbreitete Krankheitsgefühl nach dem Oktoberfest war auch 2025 nicht automatisch eine echte Grippe. Die eigentliche Influenza-Welle der Saison 2025/26 begann nach Definition des Robert Koch-Instituts erst in der 48. Kalenderwoche – also Ende November und damit mehrere Wochen nach dem Oktoberfest. Insgesamt wurden dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit während dieser Saison 44.876 bestätigte Influenza-Fälle aus Bayern übermittelt. Frühere Untersuchung zeigt erhöhtes Corona-Risiko Dass das Oktoberfest dennoch Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen haben kann, zeigte eine wissenschaftliche Untersuchung zur Wiesn 2022. Die Forschenden fanden während und nach dem Fest einen deutlichen Anstieg der gemeldeten COVID-19-Fälle, insbesondere bei den Altersgruppen zwischen 15 und 59 Jahren. Der Effekt ging nach dem Oktoberfest allerdings vergleichsweise schnell zurück; eine länger anhaltende eigenständige „Oktoberfest-Welle“ ließ sich daraus nicht ableiten. Das Ergebnis erscheint nachvollziehbar: Vor allem jüngere und mittelalte Erwachsene halten sich lange in den Zelten auf und haben dort zahlreiche enge Kontakte. Wer anschließend nach Hause, zur Arbeit oder in die Familie zurückkehrt, kann einen Erreger weitergeben, bevor erste Beschwerden auftreten. Aktuelle Lage 2026: Noch keine Grippewelle Für Panik gibt es wenige Tage vor der Wiesn 2026 keinen Anlass. Nach der jüngsten Bewertung des Robert Koch-Instituts befinden sich die Aktivitäten von Influenza, RSV und SARS-CoV-2 derzeit auf einem niedrigen Niveau. Bei einzelnen Überwachungssystemen zeigen sich allerdings erste Anzeichen eines leichten Anstiegs. Von der 32. bis zur 35. Kalenderwoche wurden in den untersuchten Proben überwiegend Rhinoviren nachgewiesen. Influenza und SARS-CoV-2 traten lediglich sporadisch auf. Auch schwere Atemwegsinfektionen lagen weiterhin auf einem sehr niedrigen Niveau. Das ist eine Momentaufnahme vor Beginn des Oktoberfestes. Wie sich die Lage während der 16 Festtage entwickelt, lässt sich nicht zuverlässig vorhersagen. Millionen zusätzliche Kontakte können die Verbreitung bereits zirkulierender Viren beschleunigen. Eine bevorstehende massive Grippewelle lässt sich aus den derzeitigen Daten jedoch nicht ableiten. Wem die Grippeimpfung besonders empfohlen wird Die STIKO empfiehlt eine jährliche Influenza-Impfung insbesondere für: - Menschen ab 60 Jahren, - Schwangere ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel, - Menschen mit bestimmten chronischen Erkrankungen, - Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen, - medizinisches Personal und Menschen mit umfangreichem Publikumsverkehr, - Personen, die engen Kontakt zu besonders gefährdeten Menschen haben. Zu den relevanten Vorerkrankungen zählen unter anderem chronische Herz-Kreislauf-, Lungen- oder Nierenerkrankungen, Diabetes, neurologische Erkrankungen und eine geschwächte Immunabwehr. Für gesunde Erwachsene unter 60 Jahren besteht nicht allein wegen eines Oktoberfestbesuchs automatisch eine allgemeine STIKO-Empfehlung. Eine Impfung kann nach persönlicher Beratung trotzdem infrage kommen. Ob die Krankenkasse die Kosten außerhalb der empfohlenen Gruppen übernimmt, sollte vorab geklärt werden. Auch COVID-19 sollte nicht vollkommen aus dem Blick geraten. Nach der im Juli 2026 aktualisierten STIKO-Empfehlung ist eine jährliche Auffrischung im Spätsommer oder Frühherbst vor allem für besonders gefährdete Gruppen vorgesehen, darunter Menschen ab 75 Jahren sowie Personen mit bestimmten Vorerkrankungen oder einem erhöhten beruflichen Risiko. So lässt sich das persönliche Risiko verringern Einen hundertprozentigen Schutz vor der sogenannten Wiesn-Grippe gibt es nicht. Einige Maßnahmen können das Risiko jedoch reduzieren: - Wer Fieber, starken Husten, deutliche Halsschmerzen oder ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl hat, sollte auf den Wiesnbesuch verzichten. - Regelmäßiges Händewaschen ist besonders nach der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und vor dem Essen sinnvoll. - Beim Husten und Niesen sollte ein Taschentuch oder die Armbeuge verwendet werden. - In sehr vollen öffentlichen Verkehrsmitteln oder Innenräumen kann eine gut sitzende Maske zusätzlichen Schutz bieten – besonders für Menschen mit erhöhtem Risiko. - Aufenthalte im Freien oder in besser belüfteten Bereichen verringern im Allgemeinen das Übertragungsrisiko gegenüber langen Aufenthalten in dicht gefüllten Innenräumen. - Ausreichend Schlaf, alkoholfreie Pausen und genügend Wasser helfen dem Körper, die Belastungen langer Festtage besser zu verkraften. - Wer nach der Wiesn erkrankt, sollte Kontakte zu älteren, immungeschwächten oder chronisch kranken Menschen möglichst vermeiden. Offizielle Empfehlungen raten Erkrankten, nach Möglichkeit drei bis fünf Tage und bis zu einer deutlichen Besserung der Beschwerden zu Hause zu bleiben. Lüften, Husten- und Niesregeln, Händehygiene und gegebenenfalls ein Mund-Nasen-Schutz können die Weitergabe von Atemwegserregern reduzieren. Wann ärztliche Hilfe notwendig ist Bei Atemnot, starken Brustschmerzen, Verwirrtheit, Kreislaufproblemen oder einer plötzlichen erheblichen Verschlechterung sollte umgehend medizinische Hilfe gerufen werden. Das gilt besonders für ältere Menschen, Schwangere, Immungeschwächte und Personen mit schweren Vorerkrankungen. Bei nicht lebensbedrohlichen, aber dringenden Beschwerden außerhalb der üblichen Praxiszeiten ist der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116 117 erreichbar. In einem medizinischen Notfall gilt die Notrufnummer 112. Feiern mit Augenmaß statt Angst Das Oktoberfest wird auch 2026 ein Fest der Begegnungen. Wo Millionen Menschen zusammenkommen, werden sich Infektionen nicht vollständig verhindern lassen. Entscheidend ist deshalb ein verantwortungsvoller Umgang: Impfempfehlungen prüfen, bei Krankheit zu Hause bleiben, besonders gefährdete Menschen schützen und die eigene Gesundheit nicht dem nächsten Festzeltbesuch unterordnen. Der Rückblick auf 2025 zeigt zugleich, dass der Begriff „Wiesn-Grippe“ schnell in die Irre führen kann. Viele Erkrankte hatten damals vermutlich einen gewöhnlichen Atemwegsinfekt oder COVID-19 – nicht zwingend Influenza. Die echte Grippewelle begann erst deutlich später. Bayern Regional News wird die Entwicklung der Atemwegsinfektionen während und nach dem Oktoberfest weiterhin beobachten und über neue Daten aus München und Bayern berichten. Quellen: Robert Koch-Institut, Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Landeshauptstadt München, Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, Marien-Apotheke München sowie Angaben der Aktionsveranstalter.

Datum: 09.09.2026 Quelle: Bayregnews