Mieter in Fürstenried werden sauer
18 Baustellen, Parkplatznot und Ratten-Sorgen: Mieter in München-Fürstenried verlieren die Geduld
Im Quartier Fürstenried West sollen Hunderte neue Wohnungen entstehen und zahlreiche Bestandsgebäude modernisiert werden. Doch für viele Bewohner bedeutet das Großprojekt seit Jahren Lärm, Einschränkungen und Unsicherheit. Besonders die Kommunikation sorgt zunehmend für Unmut.
München/Fürstenried West – München benötigt dringend zusätzlichen und bezahlbaren Wohnraum. Im Quartier Fürstenried West entsteht deshalb eines der großen Wohnungsbauprojekte im Südwesten der Landeshauptstadt. Bis zum Jahr 2030 sollen rund 620 zusätzliche Mietwohnungen gebaut werden. Gleichzeitig ist vorgesehen, die etwa 1500 bereits vorhandenen Wohnungen umfassend zu sanieren und zu modernisieren.
Was auf dem Papier wie eine wichtige Investition in die Zukunft des Stadtteils klingt, entwickelt sich für zahlreiche Mieter jedoch zu einer langwierigen Belastungsprobe. Seit mehreren Jahren prägen Baustellen, Absperrungen, zeitweise gesperrte Wege und wegfallende Parkplätze den Alltag der rund 3000 Bewohner. Inzwischen wächst der Ärger – und bei manchen Mietern scheint die Geduld nahezu aufgebraucht zu sein.
Seit fast vier Jahren wird im bewohnten Quartier gebaut
Die Wohnhäuser in Fürstenried West entstanden größtenteils zwischen 1968 und 1972. Viele Gebäude sind inzwischen sanierungsbedürftig. Eine Modernisierung ist daher grundsätzlich notwendig und wird von den Bewohnern nicht grundsätzlich infrage gestellt. Kritik gibt es jedoch an der Dauer, der Organisation und der Kommunikation rund um die Arbeiten.
Erste Ankündigungen größerer Sanierungsmaßnahmen soll es bereits im Jahr 2010 gegeben haben. Nach Einschätzung einiger Bewohner seien damals jedoch lediglich kleinere Arbeiten ausgeführt worden, die eher einer gewöhnlichen Instandhaltung als einer umfassenden Sanierung entsprochen hätten.
Die gegenwärtigen Bauarbeiten laufen inzwischen seit knapp vier Jahren. Für die betroffenen Mieter bedeutet das eine lange Zeit mit Baulärm, Staub, Baustellenverkehr und wechselnden Einschränkungen. Gerade für ältere Menschen, Familien mit Kindern oder Bewohner mit eingeschränkter Mobilität können gesperrte Zugänge und längere Wege zu einer erheblichen Belastung werden.
Bewohner sprechen von 18 Baustellen gleichzeitig
Besonders deutlich äußert sich der frühere Hausmeister Max Glonner. Der 74-Jährige arbeitete viele Jahre im Quartier und lebt heute selbst dort. Nach seinen Angaben bestehen derzeit 18 Baustellen, darunter drei größere Bauvorhaben. Keine dieser Baustellen sei bislang vollständig abgeschlossen.
Bei den Bewohnern entsteht dadurch der Eindruck, dass an vielen Stellen gleichzeitig begonnen wird, ohne einzelne Bereiche sichtbar fertigzustellen. Teilweise seien Baustellen eingerichtet, obwohl zeitweise kaum Fortschritte erkennbar seien. Hinzu kommen Sperrungen auf Straßen, Gehwegen und Parkplatzflächen.
Was aus Sicht der Bauverantwortlichen ein paralleler und damit schnellerer Bauablauf sein soll, wirkt auf manche Mieter unübersichtlich und unkoordiniert. Viele wünschen sich deshalb verständliche Informationen darüber, wann welche Arbeiten stattfinden, wie lange einzelne Sperrungen dauern und wann bestimmte Bereiche wieder vollständig genutzt werden können.
Quartiersmanagement weist Vorwürfe zurück
Das Quartiersmanagement Fürstenried West widerspricht der Darstellung, die Baustellen seien grundsätzlich schlecht koordiniert. Dass an mehreren Stellen gleichzeitig gearbeitet werde, sei Teil des vorgesehenen Bauablaufs. Durch die parallelen Maßnahmen solle die Erweiterung und Modernisierung des Quartiers möglichst schnell vorangebracht werden.
Bei einem Bauprojekt dieser Größenordnung könne es zudem Phasen geben, in denen von außen keine Arbeiten zu erkennen seien. Das bedeute jedoch nicht automatisch, dass eine Baustelle ohne Grund stillstehe. Planung, Materiallieferungen, technische Abstimmungen oder Arbeiten im Inneren der Gebäude seien für Außenstehende nicht immer sichtbar.
Nach Angaben des Quartiersmanagements soll der Gesamtzeitplan weiterhin eingehalten werden. Die vollständige Fertigstellung des Quartiers ist demnach bis zum Jahr 2030 vorgesehen.
Für die Bewohner bedeutet das allerdings: Sie müssen sich voraussichtlich noch mehrere Jahre auf Baustellen und Einschränkungen einstellen.
Angespannte Parkplatzsituation belastet die Mieter zusätzlich
Ein besonders sensibles Thema ist die Parksituation. Durch Baustelleneinrichtungen, gelagertes Material und zeitweilige Sperrungen stehen zeitweise weniger Stellplätze zur Verfügung. Gerade am Abend kann die Suche nach einem Parkplatz dadurch noch schwieriger werden.
Für Bewohner, die wegen ihrer Arbeit auf ein Auto angewiesen sind, oder für ältere und körperlich eingeschränkte Menschen ist das mehr als nur ein kleines Ärgernis. Wenn Fahrzeuge weiter entfernt abgestellt werden müssen, verlängern sich die Wege zur Wohnung erheblich.
Die angespannte Situation zeigt, wie stark ein Bauprojekt in einem bereits bewohnten Quartier in den Alltag der Menschen eingreift. Während auf einer unbewohnten Fläche weitgehend frei gearbeitet werden kann, müssen in Fürstenried West die Bedürfnisse von mehreren Tausend Bewohnern berücksichtigt werden.
Unterschiedliche Aussagen zu möglichen Rattenproblemen
Zusätzliche Verunsicherung gibt es wegen gemeldeter Rattensichtungen. Bewohner berichteten von entsprechenden Beobachtungen und sprechen teilweise bereits von einer Rattenplage.
Das Quartiersmanagement bestätigt, dass einzelne Hinweise auf Sichtungen eingegangen seien. Diesen Meldungen sei nachgegangen worden. Falls erforderlich, sei auch ein Schädlingsbekämpfer eingeschaltet worden. Hinweise auf einen akuten oder flächendeckenden Befall gebe es nach Angaben des Managements derzeit jedoch nicht.
Von der zuständigen Hausverwaltung Smart Property Management heißt es dagegen, dort sei kein konkreter Rattenfall bekannt. Aus diesem Grund würden momentan auch keine aktiven Maßnahmen zur Schädlingsbekämpfung durchgeführt.
Die unterschiedlichen Aussagen sorgen bei den Bewohnern für zusätzliche Irritationen. Während einige Mieter von Sichtungen berichten, sieht die Verwaltung offenbar keinen akuten Handlungsbedarf. Gerade bei einem möglichen Schädlingsproblem wäre eine transparente Dokumentation der Meldungen und der eingeleiteten Kontrollen wichtig, um Gerüchte, Ängste und Missverständnisse zu vermeiden.
Fest steht: Von einer bestätigten flächendeckenden Rattenplage kann auf Grundlage der derzeit bekannten Angaben nicht gesprochen werden. Die Sorgen der Bewohner sollten dennoch ernst genommen und gemeldete Sichtungen weiterhin konsequent überprüft werden.
Mietersprechstunden fallen offenbar wiederholt aus
Für den Austausch zwischen Bewohnern und Verantwortlichen soll es nach Angaben des Quartiersmanagements zweimal pro Woche eine Mietersprechstunde geben. Dieses Angebot wäre grundsätzlich eine wichtige Möglichkeit, Probleme direkt anzusprechen und Fragen zu den Bauarbeiten zu klären.
Mehrere Bewohner berichten jedoch, dass die Sprechstunden in letzter Zeit wiederholt wegen Krankheit oder Urlaub ausgefallen seien. Gerade in einer Phase mit zahlreichen parallelen Baumaßnahmen sei eine verlässliche Anlaufstelle besonders wichtig.
Wenn Termine kurzfristig ausfallen und kein Ersatz angeboten wird, entsteht bei Mietern schnell der Eindruck, mit ihren Problemen allein gelassen zu werden. Eine Vertretungsregelung, zusätzliche telefonische Erreichbarkeit oder regelmäßig aktualisierte Informationen könnten dazu beitragen, die angespannte Situation zu entschärfen.
Baustellenbesuch des Baureferats zeigt offenbar Wirkung
Dass Beschwerden und kritische Nachfragen durchaus Veränderungen bewirken können, zeigte offenbar ein Besuch eines Mitarbeiters des Münchner Baureferats. Dieser wollte sich ein Bild von den Auswirkungen der Baumaßnahmen auf den öffentlichen Raum machen.
Nach dem Baustellenbesuch sollen Bauschutt und zuvor gelagertes Material weggeräumt worden sein. Für die betroffenen Bewohner dürfte dies ein wichtiges Signal sein: Wenn Missstände konkret benannt und von den zuständigen Stellen kontrolliert werden, können Verbesserungen erreicht werden.
Gleichzeitig wirft der Vorgang die Frage auf, warum das Material nicht bereits zuvor ordnungsgemäß entfernt oder besser gelagert worden war. Regelmäßige Kontrollen könnten helfen, Probleme frühzeitig zu erkennen, bevor sich bei den Bewohnern größerer Unmut aufbaut.
Wohnungsbau ist notwendig – darf aber nicht zulasten der Bewohner gehen
Das Quartier Fürstenried West steht beispielhaft für ein grundsätzliches Problem in München: Die Stadt benötigt dringend mehr Wohnungen, gleichzeitig müssen große Bauvorhaben häufig in bereits dicht bebauten und bewohnten Gebieten umgesetzt werden.
Die geplanten 620 zusätzlichen Mietwohnungen sind für den Münchner Wohnungsmarkt zweifellos wichtig. Auch die Modernisierung der rund 1500 bestehenden Wohnungen ist langfristig sinnvoll. Neue Wohnungen und sanierte Gebäude dürfen jedoch nicht dazu führen, dass die derzeitigen Mieter über Jahre hinweg mit ihren Sorgen und Einschränkungen allein gelassen werden.
Entscheidend ist deshalb nicht nur, dass gebaut wird, sondern auch, wie gebaut wird. Ein nachvollziehbarer Zeitplan, verlässliche Ansprechpartner, frühzeitige Informationen über Sperrungen und eine schnelle Reaktion auf Beschwerden sind für die Akzeptanz eines solchen Großprojekts unverzichtbar.
Bayern Regional News: Kommunikation muss deutlich verbessert werden
Die Stellungnahme des Quartiersmanagements macht deutlich, dass die Verantwortlichen die parallelen Baustellen als notwendige Maßnahme zur Beschleunigung des Projekts betrachten. Gleichzeitig zeigen die Beschwerden der Bewohner, dass diese Strategie im Quartier offenbar nicht ausreichend erklärt wird.
Wenn Mieter über Monate hinweg keine sichtbaren Fortschritte erkennen, Parkplätze wegfallen und Sprechstunden ausfallen, entsteht zwangsläufig Frust. Selbst wenn die Arbeiten technisch korrekt koordiniert sind, muss die Organisation für die betroffenen Menschen auch nachvollziehbar sein.
Notwendig wären regelmäßige und leicht verständliche Informationen zu allen laufenden Maßnahmen. Dazu könnten übersichtliche Baustellenpläne, konkrete Zeitfenster, Hinweise auf Ersatzparkplätze und eine zuverlässige Kontaktstelle gehören. Auch gemeldete Rattensichtungen sollten transparent erfasst und kontrolliert werden.
Bis 2030 ist es noch ein langer Weg
Bis zur geplanten Fertigstellung des Quartiers im Jahr 2030 liegen noch mehrere Jahre vor den Bewohnern. Ob sich die Situation in dieser Zeit entspannt, hängt maßgeblich davon ab, wie gut Bauverantwortliche, Hausverwaltung, Behörden und Mieter künftig miteinander kommunizieren.
Die Menschen in Fürstenried West stellen den notwendigen Wohnungsbau nicht grundsätzlich infrage. Sie erwarten jedoch zu Recht, dass ihre Belastungen ernst genommen und Einschränkungen so gering wie möglich gehalten werden.
Bayern Regional News wird die weitere Entwicklung im Quartier Fürstenried West im Blick behalten.